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Mit Kulleraugen zum Kirchentag?

Eigentlich freue ich mich, wenn ich im Alltag irgendwo Gesichter entdecke. Besonders wenn sie diese lustigen Kulleraugen haben. Deswegen bin ich bei diesem Plakat auch direkt stehen geblieben.

Plakat zum Kirchentag 2017. Motto: Du siehst mich.
© sinnfinder

Doch dann hab ich das Kleingedruckte unter „Du siehst mich“ gelesen. Es handelt sich bei dabei um die kürzestmögliche Zusammenfassung von 1. Mose 16, 13, einem Vers aus der Lutherbibel. Und mit dem hippen orangen Plakat soll die Werbetrommel für den Evangelischen Kirchentag zum 500. Jubiläum der Reformation in Berlin und Wittenberg gerührt werden. Die Agentur Scholz & Friends Berlin hat die Kampagne gestaltet, die Verantwortlichen des Kirchentags finden sie „direkt, einladend und fröhlich“.

Da ich schon lange nichts mehr mit der Kirche am Hut habe, war mein erster Gedanke: Wie verzweifelt sind die denn? Was haben Kulleraugen mit der Kirche zu tun? Und wer ist es, den ich angeblich sehe?

Dann habe ich ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass der besagte Bibelvers bereits im Herbst 2015 als Motto für den Kirchentag festgelegt wurde und die Entscheidung auf diesen gefallen ist, da er aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreift. Der Vers lautet: Du bist ein Gott, der mich sieht. Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.

Die dazugehörige alttestamentliche Geschichte handelt von Abram, Sarai und ihrer Magd Hagar. Weil Sarai nicht schwanger werden kann, zeugt Abram ein Kind mit ihrer Magd, woraufhin ein Konflikt zwischen den Frauen entsteht und Hagar in die Wüste flieht. Dort findet sie der „Engel des Herrn“, der ihr seine direkte und ungeteilte Aufmerksamkeit gibt, ihre Situation anerkennt und ihr Mut zuspricht. Kurz gesagt: Er sieht sie.

Gut, die Geschichte zum Vers kenne ich nun. Doch damit ist mir immer noch nicht klar, was das mit unserer aktuellen, gesellschaftspolitischen Lage zu tun hat. Ist es die geringe Geburtenrate? Das Thema Eifersucht? Die Dreiecksbeziehung? Nein, viel abwegiger. Es ist der Selfie-Trend! Denn die Tatsache, dass wir permanent Bilder von uns selbst in die Welt versenden, sei es via Facebook, WhatsApp oder Snapchat, begründet sich laut den Veranstaltern in unserer Sehnsucht nach „angesehen sein, wahrgenommen werden“. Und dieses „Sehen stiftet Beziehung, nicht nur mit Gott, sondern auch im Miteinander aller Menschen“. Und so wurde die Brücke zum Kirchentag 2017 geschlagen, bei dem Menschen zusammenkommen und gemeinsam feiern.

Fazit: Die Erklärung zur Wahl des Verses ist total an den Haaren herbeigezogen, die Gestaltung passt überhaupt nicht zum Thema, aber lustig finde ich es trotzdem irgendwie. Von daher erfüllt das Plakat zumindest einen Zweck, nämlich ein paar Menschen auf dem Weg zur Arbeit für einen kurzen Moment zu unterhalten.

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